
Im Kern verlangt die europäische Verordnung nicht, dass der “Markeninhaber” die Produkte selbst herstellt. Stattdessen wird eine zentrale Person definiert, die als verantwortliche Person ( Responsible Person, RP) bekannt ist und sicherstellt, dass jedes kosmetische Produkt, das in der EU auf den Markt gebracht wird, alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Bei dieser Person kann es sich um ein Unternehmen oder eine Einzelperson mit Sitz in der Europäischen Union handeln, und in vielen Fällen ist es die Marke selbst.
Das bedeutet, dass deine Hauptverantwortung nicht unbedingt in der Formulierung oder Produktion liegt, sondern in der Einhaltung der Vorschriften. Du musst sicherstellen, dass jedes Produkt, das du verkaufst, einer Sicherheitsbewertung unterzogen wurde, in einer Produktinformationsdatei (PIF) korrekt dokumentiert ist und über das Cosmetic Products Notification Portal (CPNP) gemeldet wurde. Für keinen dieser Schritte brauchst du ein eigenes Labor, aber du musst Zugang zu qualifizierten Fachleuten und zuverlässigen Herstellern haben.
Produzieren ohne eigenes Labor
In der Praxis arbeiten die meisten neuen Marken mit Produktionsmodellen Dritter. Ein gängiger Ansatz ist die Zusammenarbeit mit einem Auftragshersteller, der auch als “Private Label”- oder “White Label”-Lieferant bezeichnet wird. Diese Unternehmen verfügen bereits über eigene Labore, Chemiker und Zulassungsteams. Sie können maßgeschneiderte Formulierungen entwickeln oder fertige Produkte anbieten, die du als deine eigenen kennzeichnen kannst. In beiden Fällen unterstützen sie in der Regel Stabilitäts- und Verträglichkeitstests sowie mikrobiologische Kontrollen, die nach EU-Recht unerlässlich sind.
Durch die Auslagerung der Produktion wird deine rechtliche Verantwortung jedoch nicht übertragen. Auch wenn ein Hersteller die Rezeptur herstellt und prüft, ist die verantwortliche Person weiterhin für die Einhaltung der Vorschriften für das Endprodukt verantwortlich. Dazu gehört die Überprüfung der Sicherheit der Inhaltsstoffe, die Sicherstellung, dass eingeschränkte Stoffe innerhalb der zulässigen Grenzen verwendet werden, und die Bestätigung, dass die Angaben auf der Verpackung wahrheitsgemäß und begründet sind. Du brauchst zwar kein Labor, um dies selbst zu tun, aber du musst mit zertifizierten Sicherheitsprüfern zusammenarbeiten, die die Formulierung und den Verwendungszweck z. B. in einem White-Label-CPSR überprüfen können.
Es ist auch wichtig, die gute Herstellungspraxis (Good Manufacturing Practices, GMP) zu berücksichtigen, auf die in der Verordnung durch ISO 22716 verwiesen wird. Auch wenn die Herstellung ausgelagert wird, solltest du sicherstellen, dass dein gewählter Partner diese Standards einhält. Die Behörden können den Nachweis verlangen, dass die Produkte durchgängig nach Qualitätsstandards hergestellt und kontrolliert werden, und diese Rückverfolgbarkeit gilt auch für deine Marke.
Vorteile und Grenzen eines Modells ohne Labor
Aus unternehmerischer Sicht kann es in der Anfangsphase sogar von Vorteil sein, kein Labor zu haben. Es reduziert die Vorabinvestitionen, ermöglicht es dir, dich auf Markenbildung, Marketing und Marktpositionierung zu konzentrieren, und bietet dir Flexibilität bei der Expansion. Das bedeutet aber auch, dass dein Erfolg stark von der Auswahl der richtigen Partner und der strengen Überwachung der Compliance-Prozesse abhängt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass du kein Labor brauchst, um eine Kosmetikmarke in der Europäischen Union zu gründen. Was du jedoch brauchst, ist ein klares Verständnis deiner gesetzlichen Verpflichtungen, Zugang zu kompetenten Herstellern und Sicherheitsexperten sowie einen strukturierten Ansatz für die Dokumentation und Einhaltung der Vorschriften. Die Vorschriften sollen die Sicherheit der Verbraucherinnen und Verbraucher gewährleisten, aber sie lassen auch eine Vielzahl von Geschäftsmodellen zu – auch solche, die ohne eigene Produktionskapazitäten aufgebaut werden.
Der Start ohne Labor ist keine Abkürzung, sondern einfach eine andere Art, die gleichen Aufgaben zu organisieren. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, wo das Produkt hergestellt wird, sondern darin, wie gut die Sicherheit, die Qualität und die Einhaltung der Vorschriften gehandhabt werden.